Musiker & Depressionen: Sprechen wir darüber

„Nicht schon wieder“ dachten wir wahrscheinlich fast alle, als uns gestern klar wurde, dass der Selbstmord von Chester Bennington (Linkin Park) kein Hoax war. Offenbar wählte der Sänger den Geburtstag von Chris Cornell, um es diesem gleichzutun und sein Leben zu beenden. Ich finde wir müssen dringend Ideen finden, wie wir langfristig dazu beitragen können weitere Tragödien dieser Art zu verhindern.

„Wer ist zuerst da? Der gute Song oder die Depression?“ schrieb ein Bekannter auf Facebook, als ich nach der erschreckenden Meldung ein gesünderes und positiveres Umfeld für Musikschaffende forderte. Gute Frage. Zum Einstieg vielleicht erst mal ein paar nüchterne Zahlen.

Hauptberufliche Musiker haben einer US-Studie zufolge eine bis zu 20 Jahre niedrigere Lebenserwartung gegenüber dem Durchschnitt der Bevölkerung. In der Metal-Szene sind 19,3 % aller Todesfälle auf Suizid zurückzuführen. Das ist gegenüber den durchschnittlich 6,8 % (Musiker allgemein) bzw. ca. 2% (Gesamtbevölkerung, USA) eine alarmierende Erkenntnis.

Achtung, Disclaimer: Keinesfalls maße ich mir an die Weisheit mit Löffeln gefressen und die ultimativen Lösungen parat zu haben. Dieser Text spiegelt nicht die Ansichten des Cologne Metal Teams wider und auch habe ich keinerlei Einblicke in das Seelenleben eines Chris Cornell oder Chester Bennington. Ich möchte auch niemanden triggern. Im Akutfall ist man hier besser aufgehoben, als bei der Lektüre dieser Zeilen. Mein Wunsch ist es lediglich, mit diesem Artikel einen kleinen Beitrag dazu zu leisten Muster und grundsätzliche Probleme zu identifizieren um die Situation für Kreative langfristig zu verbessern. Vielleicht auch einen Austausch darüber anzuregen.

Alkohol, Drogen und Selbstmedikation

Meiner Generation wurde in der Jugend der Glaubenssatz „Cannabis ist eine Einstiegsdroge“ mit auf den Weg gegeben. Da scheiden sich heute die Geister. Ich glaube, dass es wichtiger ist darauf hinzuweisen, dass vor allem Psychopharmaka der Beginn einer Drogenkarriere sein können. Nicht weil diese Medikamente grundsätzlich zu verurteilen wären – das breite Angebot an therapeutischen und medizinischen Lösungen für Betroffene in den westlichen Ländern ist ein Segen – sondern weil Fehler in der Verschreibung und im Konsumverhalten des Nutzers zu Konflikten führen können.

Mögliches Praxisbeispiel: Ein tourender Musiker, der sich wegen eines seelischen Leidens in Behandlung befindet, bekommt in den USA Adderall verschrieben – ein Medikament für erwachsene ADHS-Betroffene. Jetzt ist dieses aber außerhalb der vereinigten Staaten nicht zugelassen und er würde außerhalb seiner Landesgrenzen des Drogenbesitzes bezichtigt werden. Nun ist Adderall in seiner Zusammensetzung Speed etc. sehr ähnlich und das muss der Musiker nicht mal bei sich führen, in seinem Umfeld bekommt man das (verunreinigte, kaum vernünftig dosierbare) Zeug sowieso nachgeworfen. Zudem haben Drogen den vermeintlichen Reiz des Freigeistigen. Man fühlt sich als Konsument nicht wie ein Patient und erliegt der Illusion der Selbstermächtigung. Auch Alkohol wird oft auf diese Weise missbraucht. Daran haben wir bspw. Jeff Hannemann (Slayer) verloren.

Wie können wir also verhindern, dass Musiker Selbstmedikation und Substanzmissbrauch betreiben?

Sofort umsetzbar wären Ausnahmeregelungen, welche die Verschreibung von geeigneten Medikamenten im Herkunftsland über die Landesgrenzen hinaus bedingungslos anerkennen. Ich denke das ist ein wirklich unterschätztes Problem. Musiker müssen – wie Leute mit regionalem Arbeitsplatz auch – die Gewissheit haben, dass sie verschriebene Medikamente jederzeit und überall einnehmen dürfen. Sonst weichen sie einfach auf Drogen mit ähnlichem Wirkprofil aus. Gleichzeitig muss natürlich eine weitere Abnahme der Stigmatisierung von seelischen Beschwerden stattfinden. Da sind wir aber auf einem guten Weg. Allerdings ist die Akzeptanz von therapeutischen Einrichtungen hin und wieder ein Problem. Als Rocker ist man ja gerne mal systemkritisch und skeptisch. Oft zurecht, manchmal muss man sich aber auch auf ein Hilfeangebot einlassen können.

Das hilft natürlich alles nichts, wenn die Politik gegen die Menschen arbeitet. Wenn ein Herr Trump gedenkt das amerikanische Gesundheitssystem ins letzte Jahrhundert zurückzubefördern, wird die Drogenproblematik in den USA katastrophal ansteigen. Einfach aus dem Grund, da es möglicherweise billiger und unkomplizierter sein wird zum Dealer zu gehen, als ohne Krankenversicherung zum Arzt. Dagegen aufzubegehren ist Sache der US-Bürger und ich hoffe sie tun das richige.

Ich finde übrigens, dass gesundes Essen und ein fitter Körper mehr Rock N‘ Roll ist, als Bierbauch und Currywurst. Ich kenne beide Welten mittlerweile sehr gut und versuche mich zunehmend an ersterer Variante zu orientieren, auch wenn es nicht immer leicht ist und mir die Wampe wahrscheinlich als ewig währende Altlast erhalten bleiben wird.

Verklärung: Nicht nur Ventil, sondern auch Echo

Generell sollten wir von Zeit zu Zeit die Bereitschaft haben unsere Haltung neu zu bewerten. Wir müssen unsere Folklore und unsere Legenden auf den Prüfstand stellen. Gesunde Anteile unserer Subkulturen von den destruktiven trennen. Eines weiß ich als Musiker heute: Die Geschichten die du schreibst und die Mantras, die du immer wieder von der Bühne herunterbetest, kommen zu dir zurück. Musik ist nicht nur Ventil und die investierten Gefühle und Gedanken keine Einbahnstraße zum Hörer. Der kann dich notfalls durch seinen nächsten Lieblingskünstler ersetzen, aber du lebst mit dem Echo deiner Kreativität. Also sei vorsichtig mit dem, was du dir selbst erzählst.

Wir sollten uns als Kreative bspw. fragen, ob wir lieber in Trauer baden oder eine Geschichte über das Freischwimmen erzählen wollen. Depressive Episoden mögen uns zur Verarbeitung des Erlebten in einem Song verleiten, aber muss er die gefühlte Aussichtslosigkeit widerspiegeln?

Was wollen wir mit diesen Gefühlen anstellen?

Aggression hat ebenfalls größes, schöpferisches Potential: Wir können unsere Wut in Fantasien der (Selbst-)zerstörung ergießen, sie aber auch inhaltlich auf die Durchsetzung eines konstruktiven Ziels lenken. Wir beeinflussen mit der bewussteren Steuerung unserer Kreativität nicht nur unser Denken und Fühlen, sondern auch das unserer Hörer. Das bringt eine gewisse Verantwortung mit sich. Wir sollten in Frage stellen, ob es uns gut tut Biotope zu erschaffen, die zum suhlen in Negativität einladen. Denn Anerkennung und Würdigung von Missständen ist eine Sache – daran festzukleben eine andere.

Die Leidenspflicht des Künstlers ist ohnehin ein alter Mythos. Brauchen wir wirklich Menschen, die sich für uns regelrecht geißeln um ihrer Musik einen vermeintlichen Mehrwert mit auf den Weg zu geben? Wird nicht viel zu oft unnötig viel Energie in die Theatralik und die Integration der eigenen Person investiert? Alte Hasen im Musikbusiness handhaben es meist pragmatischer: Für die Authentizität eines Werkes reicht ein initialer Funken Inspiration aus. Die Vervollständigung und Reproduktion ist gereiftes Handwerk.

Finanzielle Stabilität sichern

Ich gehöre zugegebenermaßen zu den ersten, die „Skandal!“ schreien, wenn meine Lieblingsbands das nächste Studioalbum mit der x-ten Live-, Akustik- oder Remix-Veröffentlichung vorfinanzieren. Musik und Geld verdienen – das klingt manchmal anrüchiger als Prostitution. Und wisst ihr was? Das ist ziemlicher Bullshit. Gerade heute, wo sich ganze Strukturen in der Branche aufgelöst haben und ein Charteinstieg in etwa gleichbedeutend mit „Miete zahlen können“ ist. Die Vorstellung, dass man auf die finanzielle Situation von Musikern neidisch sein könne, hält sich hartnäckig, ist aber in vielen Fällen nur noch ein Märchen aus analogen Zeiten. Deswegen sollten wir Künstlern, die unser Leben mit ihrer Arbeit bereichern, jeden Cent gönnen, den sie damit verdienen. Es gibt keinen Ausverkauf mehr – allenfalls bloßen Verkauf. Und der will gerade als Independent-Act auf allen Ebenen hart erarbeitet sein.

Abgesehen vom Mindset der Hörer und deren immer geringere Bereitschaft in physikalische Datenträger zu investieren (Vinyl-Anstieg fängt Verluste bei CDs leider noch lange nicht auf), gibt es ein riesengroßes strukturelles Problem: Streaming übernimmt das Zepter, wird auch gerne und viel genutzt, dennoch entsteht kein nennswerter Geldfluß. Jedenfalls nicht in die Richtung der Musikschaffenden.

Ohne zu sehr in die Tiefe zu gehen und nur um mal ein Gefühl für die Größenverhältnisse in der Ausschüttung zu vermitteln: Geoff Barrow (Portishead) gab 2015 an für rund 34 Millionen Spotify-Plays 1700 Pfund erhalten zu haben. Ein einzelner Stream soll in etwa den Wert von 0,00065 Cent haben (Stand: 2016). Das ist natürlich ganz große Kacke und man fragt sich zurecht wer eigentlich wirklich etwas an so einem Geschäftsmodell verdient. Man wäre geneigt Spotify selbst den schwarzen Peter zuschieben zu wollen, jedoch ist auch die Plattform immer noch nicht profitabel.

Auch live lässt sich als durchschnittlich große Rockband (500 – 1000 Pax) nicht zwingend ein Reibach machen. Dafür füttert eine Veranstaltung vom Venue-Betreiber bis hin zum Crew-Mitglied zu viele Münder. Dazu kommt, dass das Geld von wenigen Wochen Tour oft für einen langen Zeitraum reichen muss.

Unterm Strich halten wir fest: Das digitale Geschäftsmodell ist Pflicht, bringt aber vergleichsweise wenig Ertrag. Man muss dabei berücksichtigen, dass Mitverdiener wie Presswerke, Instrumentenhersteller, Werbeflächenanbieter etc. den Wertverfall in den meisten Fällen nicht mitgegangen sind. Die Kostenseite erfordert deshalb einen gewissen Erfolg des Unterfangens und das macht ordentlich Druck, zumal Musiker heute viel unmittelbarer mit ihrem persönlichen Kapital involviert sind. Da die Musikbranche zwar die erste – aber nicht die einzige – Branche war, die von den disruptiven Auswirkungen digitaler Fortschritte erschüttert wurde, wäre eine gerechtere Umverteilungslösung wie das Bedingungslose Grundeinkommen eine optimale Lösung für fast alle Menschen in kulturellen oder sozialen Berufen. Aber wir brauchen auch schnellere Modelle. Einige davon müssen wir uns in Form neuer Geschäftsideen selbst ausdenken, andere in unseren jeweiligen Ländern erstreiten (mehr Budget für Kultur, erweiterte Künstlerförderung etc.).

Auch junge Künstler brauchen übrigens eine umsetzbare Vision. Wer mit dem Talent gesegnet ist wunderbare Songs zu schreiben und kaum etwas anderes als das im Leben tun will, wird vom derzeitigen Kulturpessimismus geradezu in die Depression getrieben. Wir haben bzgl. der Förderung von Talenten hierzulande eine Unterscheidung zwischen U-Musik (Unterhaltung) und E-Musik (Klassik, Jazz). Das ist mehr als altbacken. Das Budget gehört in den gleichen Topf und nach individuelleren Kriterien verteilt.

Die wahre Währung für Musiker: Anerkennung & Gemeinschaft

Der ganze Existenzsicherungskram ist für viele Kreative eine lästige Nebenbühne ihres Daseins. Worum es eigentlich geht ist das teilen von Gefühlen, Botschaften und Klängen. Darum als die Person wahrgenommen zu werden, durch die diese Energien zum Ausdruck gebracht werden. Oder weniger verschwurbelt: Als Künstler für die erbrachten Leistungen wertgeschätzt zu werden. Musik ist ja ursprünglich eine Kommunikationsform. Tiere nutzen sie, der Mensch nutzt sie in der Sprache. Musik hat die ohnehin existierenden Klänge lediglich in komplexere und prägnantere Formen gebracht. Musik ist eine universelle Sprache die ins Herz geht und Menschen zusammenführt. Wir karren unser Equipment ja nicht in Clubs, weil wir so gerne Sachen schleppen und Auto fahren. Wir wollen euch zum hüpfen, lachen, weinen, Popo wackeln, Haare schütteln, schwelgen, träumen oder ausrasten bringen. Als Musiker hat man heute jedoch das Gefühl mit diesem Wunsch gegen eine Wand aus Lethargie zu rennen. Ganz gleich ob du Guns N‘ Roses bist und in statische Gesichter blickst, die ruhig ihr Smartphone auf dich draufhalten, oder die lokale Truppe, die den Rauchern vor der Tür als Hintergrunduntermalung dient. Gründe mag es von der digitalen Kultur über die politisch-wirtschaftliche Lage bis hin zur Verschiebung von medialen Interessen viele geben. Fakt ist: Wir finden anno 2017 schlechter zusammen als 1997. Ich weiß nicht wie wesentlich das im Bezug auf die psychische Gesundheit der eingangs genannten Personen war – ob es überhaupt eine Rolle spielte – aber irgendwo ist es ja doch ein Naturgesetz, dass nur überlebt, was auch gebraucht wird. Angesichts der menschlichen und wirtschaftlichen Großbaustellen weltweit, brauchen wir Kultur im allgemeinen allerdings mehr denn je. Behandeln wir sie so!

Wie seht ihr das? Ist Destruktivität wirklich ein untrennbarer Bestandteil der Rock- & Metal-Kultur? Ist der Autor des Artikels ein erbärmlicher, eierloser Whimp, der weniger labern und mehr Currywurst essen sollte? Welche Stellschrauben können wir drehen, um Depressionen unter Musikern besser aufzufangen? Wo seht ihr die Verantwortung? Ich bin gespannt auf eure Meinung hierzu.

„Leben heißt nicht zu warten, dass der Sturm vorüberzieht, sondern zu lernen im Regen zu tanzen.“